Eröffnungsbla

So, habe ich mich also doch überreden lassen. Nachdem unter meinen Facebook-Notizen immer wieder die Blog-Rufe laut wurden, habe ich ihn jetzt eingerichtet.

Ob es Sinn macht? Wird sich zeigen.

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Elternratgeber – das Grauen in Buch- und Blogform

Irgendwie gehört es zum modernen Elternsei dazu: wer sein erstes Kind bekommt, lebt etwa ein Jahr lang in einem Zustand permanenter Verunsicherung und sucht regelmäßig nach Sicherheit durch Fragen wie „War das bei euch auch so?“, „Ist das noch normal?“, „Muss ich etwas anders machen?“. Im Bestfall richten sich diese Fragen an gute Freunde mit mindestens einem Kind > 1Jahr und diese antworten mit stoischer Gelassenheit „Ja.“, „Ja.“, „Nein.“… Sie waren ja selbst mal in dieser Situation, befinden sich jetzt aber im Stadium des Wissens, dass man sich schon ziemlich anstrengen muss, um sein Kind kaputt zu machen und sich das, was man als Problem ansieht, schon irgendwie regeln wird.
Wer aber sehr verunsichert ist oder mit zu wenig Eltern befreundet ist, der macht mitunter einen fatalen Fehler und greift zum Elternratgeber. Damit meine ich nicht die kleinen Heftchen, die von Landes- oder Bundesbehörden herausgegeben werden und eher knapp die nötigsten Informationen beinhalten, damit das Kind überlebt (füttern, wickeln, nicht durchschütteln) sondern die umfangreichen Lebensweisheiten von Menschen, die meinen, allein durch das eigene Elternsein qualifiziert zu sein, anderen zu erklären, wie’s läuft.
Die Ausrichtung kann dabei vollkommen unterschiedlich sein: ob nun nur das vermeintliche Dauerproblem „Durchschlafen“ angegangen wird und man Eltern lang und wortgewandt erklärt, wie sie ihrem Kind am besten das Sich-Beschweren abgewöhnen – natürlich ohne es so zu formulieren – oder antiautoritäre Erziehung für alle Lebensphasen neu aufgelegt und mit modernen Begriffsumdefinitionen propagiert wird, das Prinzip ist immer gleich und immer gleich dumm: Ich, Mama oder Papa A, habe mit Kind 1 bis 3 die Erfahrung gemacht, dass ich all die Dinge, die schlecht laufen durch Verhalten X ändern kann, deswegen empfehle ich allen Mamas und Papas mit allen Kindern in allen Lebenssituationen das gleiche Verhalten.
Na? Fehler erkannt?
Das witzige daran ist, dass natürlich alle Ratgeber auch an irgendeiner Stelle erwähnen werden, dass alle Kinder individuell sind, denn diese Aussage hören Eltern gerne. Die Ratgeber selbst scheren sich darum aber eigentlich nur wenig und vereinheitlichen mit Inbrunst. Nicht nur die Kinder sondern auch gleich die Eltern und überhaupt das ganze Setting gleich mit.

Ein kurzes Beispiel, lief mir erst neulich über den Weg. Hier wurde das Verhältnis Elternteil-Kind mit dem Verhältnis Partner-Partner gleichgesetzt, um für mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse der Kinder zu plädieren. Das beinhaltete Aspekte, die relativ simpel sind: Stell dir vor, dir tut etwas weh und dein Partner sagt nur „hör auf zu jammern“. Ok, ist doof. Wird wohl (fast?) jeder zustimmen. Will ich nicht von meinem Partner hören, würde ich auch nicht zu meinem Kind sagen. Aber weiter geht es: Stell dir vor, du legst dich ins Bett zu deinem Partner, willst dich ankuscheln und der sagt nur „Ne, echt nicht, geh in dein eigenes Bett, du  musst alleine schlafen lernen.“ Klingt auch doof. Wäre auch echt doof, wenn mein Partner das zu mir sagen würde. Aber, oh, Moment, mein Partner ist nicht mein Kind bzw. mein Elternteil! Tatsächlich will ich nicht, dass mein Kind – außer in Ausnahmesituationen – im Elternbett schläft. Es wird eng, ich liege an der Bettkante, werde ständig getreten und gehauen, Kuscheltiere landen in meinem Gesicht und mein Partner ist außerhalb jeder Kuschelerreichbarkeit – von allem anderen, wofür Erreichbarkeit gut wäre mal ganz zu schweigen. Aber die obigen Aussagen suggerieren mir jetzt, dass ich offensichtlich ein unsensibles Arschloch bin, weil ich die doch so gut nachvollziehbaren Wünsche meines Kindes nicht respektiere. Also was tun?
Es liegt hier klar auf der Hand: ich soll mich in der Elternteil-Kind-Beziehung so verhalten wie in der Partner-Partner-Beziehung, also hinein mit dir in unser Bett, mein Kind. Kind ist glücklich. Vorerst. Denn Kind ist vielleicht nicht mehr so glücklich, wenn Eltern ständig übermüdet sind, sich ihr Verhältnis zueinander durch mangelnde körperliche Nähe eintrübt und der Wunsch nach dem Geschwisterchen sich auch nicht mehr so recht erfüllen will. Das alles muss natürlich nicht eintreten, aber es KANN und das ist alleine vom Setting abhängig: wie verhält sich das Kind im Elternbett, welchen Stellenwert hat die Zweisamkeit für die Eltern gegenüber dem Elterndasein usw. Das ist so unterschiedlich wie Menschen eben unterschiedlich sind. Nun, den Partner-Kind-Vergleich finde ich noch aus anderen Gründen einfach dumm (meinem Kind muss ich erklären, dass es wenigstens die Tür hinter sich schließen soll, wenn es ins Bad stürmt während ich auf Toilette sitze, während mein Partner einfach gar nicht hineinkommen würde…) aber viel wichtiger ist mir: Eltern haben wie Kinder vollkommen unterschiedliche Ansprüche an sich, an den Gegenüber und an das Leben als solches. Es ist die Aufgabe aller Eltern, einen Weg zu finden, der für alle Beteiligten die größtmögliche Zufriedenheit mit sich bringt. Das läuft nicht ohne Tränen. Bei niemandem. Eine Eltern-Kind-Beziehung beinhaltet immer auch Konflikte und die lassen sich leider nicht immer so lösen, dass alle (in diesem Moment!) zufrieden sind. Und es gibt keine Patentlösung so wie es all diese Ratgeber vorgeben. Es wäre schön, ja, aber nicht möglich. Den Weg zu den besten Kompromissen müssen Eltern ganz alleine finden – natürlich auch mit individueller Hilfe, ob durch Freunde oder professionelle Beratung, aber niemals durch diesen ganzen „Was bei mir funktioniert hat wird auch bei dir funktionieren“-Unfug. Und erst Recht sollten sie nicht ständig auf ihrem Weg zu Fall gebracht werden, weil ihnen diese Ratgeber erzählen, welches Verhalten was für grausame Auswirkungen auf ihre Kinder haben wird. Denn seien wir mal ehrlich: diejenigen, deren Verhalten wirklich kindeswohlgefährdend ist, werden vermutlich kaum solche Ratgeber lesen und alle anderen werden schon intuitiv keinen so unfassbaren Quatsch bauen.

Also mein abschließender Rat: schmeißt all diese von Mamis und Papis geschriebenen Ratgeber in die Tonne, ignoriert ihre Blogs und besinnt euch auf eure Wünsche und die eures Kindes. Wenn ihr unsicher seid, ob ein Verhalten noch „normal“ ist, fragt Freunde oder meinetwegen Elternforen (mit der gebotenen Foren-Vorsicht!) oder lest einige der wirklich guten Bücher von Wissenschaftlern, die nüchtern das empirisch erforschte Verhalten von Kindern erklären ohne dabei vorzuschreiben, welche Schlüsse Eltern daraus ziehen müssen. Und arrangiert euch damit, dass das Leben mit Kindern nunmal kein Zuckerschlecken ist.

Reichsbürger und all die anderen Wissenden

Reichsbürger – ein Phänomen, über das viele, die davon etwas mitbekamen, meist nur gelacht und den Kopf geschüttelt haben. Es gab schon öfter Polizeieinsätze gegen einige dieser Menschen, nun aber zeigt sich durch den Tod eines Polizisten auf tragische Weise, dass es sich bei Reichsbürgern mitnichten immer nur um komische Wirrköpfe handelt.
Doch will ich hier gar nicht auf Reichsbürger im Speziellen eingehen, sondern anmerken, dass es sich bei Ihnen doch nur um eine besonders skurrile Manifestation einer Verhaltensweise handelt, die sich seit einiger Zeit in besonderem Maße im Internet (und von da aus auch in die „reale“ Welt strömend) finden lässt: Auf der einen Seite die Neigung der Menschen zur bemerkenswerten Selbstüberschätzung bei der Erfassung komplexer Themen – und unerfreulicher Weise manchmal sogar schon bei recht simplen – und auf der anderen Seite der Wunsch vieler, sich selbst Scheuklappen aufzusetzen und sich selbst dies als Weitblick zu verkaufen.

Die Selbstüberschätzer. Sie gibt es in unterschiedlich starker Ausprägung, doch sie alle haben eins gemein: Sie glauben, etwas nach der Lektüre nur weniger Informationen besser beurteilen zu können als Menschen, die in der Disziplin ausgebildet sind und sich über viele Jahre hinweg damit beschäftigen. Im Falle von Reichsbürgern sind das z.B. Menschen, die meinen, erkannt zu haben, dass wichtige Dokumente unseres Landes – Veträge, Verfassung, Gesetze – nicht korrekt und deshalb ungültig sind. Dass es in diesem Land eine große Zahl gut ausgebildeter Juristen gibt, sich jeweils unzählige Menschen mit der Erstellung dieser Dokumente beschäftigt haben, nicht selten auch aus anderen Ländern, das alles zählt nicht und wird banal ins Reich der Verschwörungen geschoben. Na klar, tausende Juristen in diesem Land erkennen nicht, was einige wenige (Nicht-Juristen) problemlos herausfinden konnten. Klingt logisch. Und im Falle der Reichsbürger stimmt mir sicherlich eine große Bevölkerungsmehrheit zu: was für ein Quatsch.
Aber was ist mit anderen Themen? TTIP und CETA. Schon mal damit beschäftigt? So richtig ausführlich? Die Gegenbewegung dazu ist groß – viel größer als die Reichsbürgerbewegung. Wie viele von diesen Menschen haben wohl das notwendige Hintergrundwissen, diese Abkommen tatsächlich vollständig beurteilen zu können? Ich habe das mit TTIP mal versucht. Wow. Ok, hey, vielleicht bin ich auch dümmer als all diese Menschen, aber ganz ehrlich: mir war das zu komplex, um ein abschließendes Urteil darüber zu fällen. Und wenn ich mir angucke, was die Rädelsführer der Gegenbewegung von sich geben, habe ich den Eindruck, dass sie sich immer nur an einigen Teilaspekten aufhängen. Vielleicht immer nur das, was verstanden wurde? Und der ganze Rest wird dann einfach mit hinein gewurschtelt: ist auch scheiße. Aha. Ein hoch auf die differenzierte Betrachtung.
Die Selbstüberschätzer sind fast überall zu finden: im Sport, der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft… ob es nun um ein Fußballspiel geht, Arbeitsmarktpolitik, Gender-Studies, immer poppen Leute auf, die meinen, alles besser beurteilen zu können als jene, deren (aktueller) Lebensinhalt oder mindestens Beruf es ist.

Hinter ihnen her laufen die Scheuklappenträger. Der Scheuklappenträgermechanismus funktioniert in etwa so: jemand hat zu einem Thema oder gar noch allgemeiner das diffuse Gefühl, dass da irgendetwas nicht passt. Dann kommt jemand daher, der erklärt ihm die Welt – oder zumindest das Thema – und zwar üblicherweise nicht so, wie es diejenigen, über die es an den Scheuklappenträger originär herangetragen wurde, getan haben. Meistens sind diese Erklärungen viel einfacher zu verstehen. (Nebenbei: ein Punkt, der jeden denkenden Menschen sofort aufhorchen lassen sollte. Ja, es gibt Menschen, die können komplexe Themen wirklich gut auf einfache Formulierungen herunterbrechen, aber wird dies seriös betrieben, gibt es natürliche Grenzen.) Und schon fühlt der Scheuklappenträger einen „Aha“-Effekt. „Jetzt kann ich auch mitreden.“ Und dann fängt der eigentliche „Spaß“ erst an. Der Erklärer (ja, es ist der Selbstüberschätzer) liefert oft einen Hinweis, warum der Scheuklappenträger das Thema vorher nicht verstanden hat. Natürlich liegt es nicht an ihm, sondern an den anderen. Das sind wahlweise „die Mainstreammedien“ (also die großen Medienorgane des Landes), „die da oben“ (je nach Thema Politiker, Wirtschaftsbosse o.ä.), „ausländische Kräfte“ (Amerikaner, Russen, Juden, je nach Sichtweise) oder obskure Verschwörer und Mischungen aus den genannten. Das ist Balsam für die Seele des Scheuklappenträgers, denn er weiß jetzt: es liegt nicht an ihm. Die anderen wollten nur verhindern, dass er die Wahrheit versteht. Doch nein, nicht mit ihm, er hat ja den Selbstüberschätzer gefunden. Und nun fängt er an, seine Scheuklappen aufzusetzen. Nachdem seine bisherigen Informationsquellen als niederträchtige Lügner enttarnt wurden, sucht er sich neue und das können natürlich nur jene sein, die über das Thema genau so berichten, wie es der Selbstüberschätzer getan und der Scheuklappenträger es als die Wahrheit erkannt hat. Also fängt er an, dem Selbstüberschätzer zu folgen, der gibt ihm Links zu Seiten und Personen, die „auf seiner Seite stehen“. Entsprechend eingefärbte „Nachrichten“-Seiten finden sich zu jeder Sichtweise zuhauf im Internet. Der ein oder andere Blog ist sicherlich auch dabei. Facebook, Twitter und Youtube liefern weitere Personen, die auf der richtigen Seite stehen und ihrerseits ihre neusten Erkenntnisse weitergeben. Und dank einiger kluger Algorithmen, die dem Scheuklappenträger aufgrund dieser Vorlieben auch bevorzugt die Meldungen der Gleichgesinnten zeigen, verfestigt sich seine Meinung. Kann sogar Stück für Stück zu neuen Meinungen in anderen Themenbereichen führen. Ob nun der Reichsbürger zum extrem Rechten wird oder der TTIP-Gegner zum überzeugten Antiimperialisten. Die Scheuklappen machen es möglich, lassen sie doch Gegenargumente kaum noch ins Blickfeld.

Nun möchte ich natürlich nicht sagen: Haltet euch raus aus allem, was ihr nicht gelernt habt, ihr versteht es ohnehin nicht. Natürlich ist es notwendig, dass die Bevölkerung eines Landes Aktionen hinterfragt, die sich auch auf sie auswirken können. Natürlich sollen Menschen sich auflehnen, wenn sie den Eindruck gewinnen, da würde sich andernfalls etwas entwickeln, was ihnen zu großem Nachteil gereicht. Doch sollten sich viele, die dies aktuell tun, deutlich stärker fragen, wie sie zu diesem Eindruck kommen.
Habt ihr euch wirklich eindringlich mit dem Thema beschäftigt? Habt ihr Pro- und Contra-Argumente gesammelt? Wart ihr wenigstens bemüht, neutrale Informationen zusammen zu tragen? Ich weiß, es ist durchaus ein Drahtseilakt: wann sind Informationen neutral, wann ausreichend zur Meinungsbildung, wann folge ich Menschen, die sich tatsächlich umfassend und sachlich korrekt mit einem Thema auseinandergesetzt haben, wann reime ich mir falsche Zusammenhänge zusammen? Und wenn ich vielleicht schon Scheuklappen auf habe? Einfach ist es nicht, ohne Frage. Verrückter Weise gerade deswegen nicht, weil uns so unglaublich viele Informationen zur Verfügung stehe. Aber ein guter Anfang wäre dieser: Gibt es genug Menschen, denen ihr auf die eine oder andere Art folgt, deren Meinung zu bestimmten Themen ihr teilt, zu anderen aber nicht? Gibt es Themen, große Themen, die viele beschäftigen, bei denen ihr euch nicht in der Lage fühlt, eine klare Position einzunehmen? Gut. Niemand kann alles verstehen. Und niemand muss zu allem etwas sagen. Wenn das wieder deutlich mehr Menschen klar würde, hätten wir auch wieder eine Chance, deutlich sachlichere Diskurse zu führen und von diesen nicht abgelenkt zu werden, weil wir nur noch damit beschäftigt sind, die kleinen Schmeißfliegen Selbstüberschätzer und Scheuklappenträger abzuwehren.

Macht es euch nicht so einfach! Die AfD-Wahlergebnisse sind mehr als nur eine Dummheit.

Es ist schon bemerkenswert, was sich da in unserem Land abspielt: Erst die steigenden Flüchtlingszahlen mit einer breiten Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Dann die weiter steigenden Flüchtlingszahlen, Unsicherheit und Unmut greifen um sich, rassistische Ressentiments werden immer öfter, immer lauter geäußert. Wer sich diese nicht zu eigen macht ist erstaunt bis erschrocken, dass sie auch in seinem Freundes- oder zumindest Bekanntenkreis zunehmen. Die Fronten verhärten sich, werden aggressiver. Es geht plötzlich nicht mehr nur um Flüchtlinge, es geht um die Politik generell, alle Parteien und um die Medienlandschaft. Die Vermischung dieser Themen scheint immer absurder zu werden, wie eine Abwärtsspirale in den Irrsinn. Und aus dieser Abwärtsspirale steigt plötzlich die AfD herauf. Scheint auf die Lauten, die Unzufriedenen zu wirken wie ein Heilsbringer und verfestigt diesen Eindruck zunächst mit Kommunalwahlen in einem Bundesland und eine Woche später mit drei Landtagswahlen und zweistelligen Ergebnissen. Ein Paukenschlag. Nein, eher ein Erdbeben. In ganz Deutschland. Fuck, was ist denn jetzt los? Was gerade noch ätzende Diskussionen in Kommentarspalten öffentlich-rechtlicher Radio- und Fernsehsender und (Online-)Zeitungen waren, hat sich plötzlich in viel realer wirkenden Wahlergebnissen manifestiert. Wahlergebnisse, an denen es fünf Jahre lang nichts zu rütteln gibt. Es scheint kaum jemanden zu geben, den das nicht in irgendeiner Weise bewegt. Plötzlich dreht sich der Wind. Wer gestern noch rassistische Posts geteilt hat, ruft heute „Seid ihr dumm, die AfD zu wählen?“. Auszüge aus Wahlprogrammen und Grundsatzprogrammentwürfen werden geteilt. Programmpunkte, die, betrachtet man sie in Summe, eigentlich nur noch reiche, männliche, weiße Deutsche ansprechen dürften. Das korreliert nicht gerade mit den Wahlergebnissen. Das zu merken fällt nicht schwer. Man kann nahezu jedem in diesem Land einige Programmpunkte vorlesen, die er oder sie ganz schlimm finden wird. Die AfD bemüht sich entsprechend um Schadensbegrenzung, beruft sich darauf, dass ihr Grundsatzprogramm noch gar nicht verabschiedet sei und man deswegen ja auch nach gar nichts darüber sagen könnte – was die Intelligenz eines jeden beleidigen sollte, tut es doch so, als könne niemand irgendwoher auch nur ansatzweise schlussfolgern, worum es der Partei in welchen Punkten geht. Als hätte sie sich nie zu irgendetwas geäußert.
Nun, das ist der aktuelle Zustand.
Ich könnte jetzt sagen: Cool, dass sich der Wind zu drehen scheint. Cool, dass sogar die gegen AfD mobil machen, denen ich vorher eine Wahl dieser Partei zugetraut hätte.
Doch so einfach ist es nicht. Weiterlesen

Wer schweigt, macht sich mitschuldig

Das Schlimmste an Clausnitz und Bautzen ist, dass es mich so gar nicht überrascht.
Nein. Moment. Das Schlimmste ist, dass es mich nicht überraschen würde, wenn ein gröhlender Mob ein bewohntes Flüchtlingsheim anzündet und Menschen dabei sterben.
Es wäre nicht das erste Mal…

Seit Monaten wird überall im Land gezündelt. Politiker zündeln, Zeitungen zündeln, durchschnittliche Mitbürger zündeln, ja manchmal sogar Freunde, von denen man es nie erwartet hätte.
Sie alle, die Hasskommentare einfach überlesen, die rassistische Äußerungen als tolerable Meinungsäußerung bewerten, die Vorurteile in Gesetze gießen, die aus dem rechten Millieu stammende Redensarten salonfähig machen, die Brandanschläge und Gewalt als Asylpolitikkritik bezeichnen, sie alle sind Schuld an dem, was passiert ist und passieren wird.
Für „wehret den Anfängen“ ist es bei weitem zu spät, doch wer nicht spätestens jetzt aufsteht und sich mit aller Kraft gegen den moralischen Verfall in diesem Land stellt, wer es noch immer für unnötig hält, sich zu positionieren und stattdessen die anderen einfach machen lässt, der trägt eine Mitschuld, wenn die erste verbrannte Leiche aus einem Flüchtlingsheim gezogen wird und ich hoffe, sie wird ihn auf ewig verfolgen.

Köln, Silvester, Flüchtlinge – jetzt bitte mal mit kühlem Kopf

Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln – mehr muss man schon lange nicht mehr sagen, damit alle wissen, worum es geht – sind nun schon einige Zeit her und noch konnte ich mich nicht zu einem längeren Beitrag zu dem Thema durchringen.
Warum?
Nun, als ich das erste Mal Nachrichten darüber hörte, zu einem Zeitpunkt, an dem noch wenig feststand, an dem noch von „1000 Männern aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum“ gesprochen wurde, „unter ihnen auch Flüchtlinge“, aus deren Reihen „zahlreiche Frauen sexuell belästigt und beraubt“ worden sein sollen, gingen mir viele Dinge durch den Kopf. Und in erster Linie dachte ich immer nur „Scheiße!“, „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ Weiterlesen

Erziehung ohne geschlechtsspezifisches Rollendenken – bin ich konservativer als ich dachte?

Als ich schwanger war, stand für uns von vornehrein fest, dass wir in der Erzeihung unseres Kindes möglichst alles unterlassen wollten, was geschlechtsspezifische Rollenklischees fördert: das Kinderzimmer sollte weder von Oben bis Unten nur in rosa noch nur in blau eingerichtet sein, ebenso vielfältig sollte sie Farbe der Kleidung sein. Zum Spielen gibt es, was dem Kind gefällt, egal ob Auto oder Puppe und am Anfang sowieso nur Kuscheltiere und Bauklötze. Und weil ein maßgeblicher Teil der Erziehung das Vorleben ist, wollten wir uns auch weiterhin(!) alle Aufgaben im Haushalt teilen, unsere Arbeitszeit beide reduzieren und auch nahezu gleich viel Elternzeit nehmen. Sollte ja alles kein großes Problem sein.

Oh how little we knew!

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Kopfschütteltränen oder Die absurdesten Gründe, aus denen Kinder weinen

Kinder weinen. Oft. Schon Babys weinen. Babys können kaum anders kommunizieren. Wenn ein Baby weint, fängt man also an, alle möglichen Gründe durchzugehen: Liegt unbequem? Windel voll? Hunger? Müde? Langeweile? Will Bewegung?  Ist das alles als Grund ausgeschlossen und das Baby weint immer noch, sind es Bauchschmerzen. Im Zweifel sind es immer Bauchschmerzen. Wahrscheinlich nicht, aber es lindert das Gefühl von Hilflosigkeit, denn bei Bauchschmerzen kann man zwar auch kaum etwas machen, aber man hat es wenigstens benannt.
Wenn die Kinder älter werden, wird das anders. Sie können benennen, was sie zum Weinen gebracht hat. Meistens kann man es sogar nachvollziehen. Erfahrene Eltern merken schnell, wann eine Situation das Potenzial hat, Tränen hervorzurufen. Nur: helfen tut es auch nichts. Denn um diese Situation abzuwenden, muss man nicht selten seine Erziehungsregeln über den Haufen werfen oder besser noch, Naturgesetze kippen. Und oft hat man auch als verständnisvolles Elternteil einfach keinen Bock, den Blödsinn, den das Kind gerade verlangt, mitzumachen. Weiterlesen